Ikarus mit Bleigürtel

Die Galerie Queen Anne in der Leipziger Spinnerei lud zusammen mit dem Salier Verlag zur Lesung am 26. Januar ein – aus allen Teilen des Romanzyklus wurden Texte vorgestellt. Hier eine Probe aus “Babels Berg” im Video:

Ein Berliner Währungsspekulant

“40 Jahre deutsch-deutscher Geschichte im Roman oder Wie Stasiakten und andere Beschwernisse meiner Literaturproduktion voran halfen” – so habe ich die Veranstaltung untertitelt.
Ob meine Romantrilogie zustande gekommen wäre, hätte ich mich nicht der Aufmerksamkeit aller möglicher „Sicherheitsorgane“ in der DDR erfreut, bleibt Spekulation; dass von der Kindheit an erfahrene Rand- und Querständigkeit der Phantasie auf die Sprünge half, ist unbestreitbar, und dass Verletzungen früh erlebter Konflikte ausheilen konnten, verdanke ich ohne Zweifel der Literatur.
Fliegen lernen, wozu Wünsche und Träume seit Jahrhunderten – womöglich seit Erschaffung der Welt – die Lebenden, die Liebenden und die literarisch Vorwegstürmenden treiben: beim Schreiben konnte ich’s.
Darum handeln der „Blick vom Turm“, „Babels Berg“ und der „Raketenschirm“ von Flugversuchen, Bauchlandungen, der unentbehrlichen Hilfe vieler Menschen bei neuen Starts und davon, wie einer lernt, hinderlichen Ballast abzuwerfen – egal ob er aus Akten, Heilsversprechen oder buntscheckigen Waren besteht.
Für die Lesung habe ich entsprechende Texte gewählt; das Gespräch zwischendurch und hinterher nehme ich auch bei den nächsten “Flugversuchen” mindestens ebenso wichtig.

Start ins Jahr des Drachen

daisohn_200Das Jahr 2012 steht im Zeichen des Drachen, er ist Nationalsymbol des “Reiches der Mitte”. In diesem Jahr soll der Kulturaustausch zwischen Deutschland und China besonders gefördert werden; wir wollen in Baden-Baden das unsere tun: Auftakt war am 17. Januar in der Baden-Badener Stadtbibliothek. Wegen des großen Erfolgs wiederholen wir am 4. März um 16 Uhr im Badischen Museum für Münzen und Medaillen in der Steinstraße 3, mitten in der romantischen Altstadt
“Zwischen Dschungel und Millionenstadt – Chinas unentdeckte Gesichter”, die Veranstaltung rund um den gleichnamigen Dokumentarfilm über die Situation ethnischer Minderheiten in China. Bekannteste Minderheit sind die Tibeter, es gibt aber 55 Volksgruppen mit eigener Kultur, manche mit eigener Sprache. Mit diesen vielfältigen, bewahrenswerten Kulturen befassten sich der Film und das anschließende Gespräch.

Weiter geplant für 2012:
20. März: Weltweite Lesung für den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, zu der das internationale literaturfestival berlin (ilb) Kulturinstitutionen, Schulen, Radiosender und Interessierte aufruft – “Leben Lesen”, unsere Literaturreihe, wird sich beteiligen.
In der zweiten Jahreshälfte ist eine Veranstaltung mit Liao Yiwu geplant.

Rationierte Urlaubsfreuden

Cover zum Buch

Vom "Fichtelberg" zum Ostseestrand

Schon bei flüchtiger Durchsicht dieses Buches zieht man vor dem Autor respektvoll den Hut: Thomas Schaufuß, geboren 1949 in Leipzig, hat eine eindrucksvolle Arbeitsbiographie Ost, und er hat sich mit fast vierzig nach seiner Ausreise aus der DDR nicht nur als Unternehmer behauptet, er hat auch geforscht, studiert, gesammelt, sich Wissen für seinen zeitgeschichtlich bedeutenden Text angeschafft. Der Titel klingt nach Kunstleder: “Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR – Sozialtourismus im SED-Staat”, von 470 Seiten bestehen gut die Hälfte aus anhängenden Dokumenten und der Bibliographie, aber nicht nur Fachleute kommen bei der Lektüre auf ihre Kosten: Geschichte und Geschichten des gewerkschaftlich organisierten Urlauberwesens ergeben ein vollständiges und facettenreiches Bild, es wird durch zahlreiche historische Illustrationen noch anschaulicher.

Die Archivalien der DDR–Gewerkschaft – Berge von Papier – stellten den Autor vor Probleme: sie sind zwar seit 1990 zugänglich, aber unsystematisch abgelegt, kaum erschlossen, und Statistiken aus dem SED-Staat sind mit Vorsicht zu genießen: Schlamperei und Schönfärberei gehörten zum Geschäft. Es gelingt ihm trotzdem, den Weg von den Anfängen der Erholungsheime für Arbeiter, vom offiziellen Vorbild in der Sowjetunion über das “heimliche Vorbild” KdF – “Kraft durch Freude” – den organisierten Arbeitnehmertourismus im Dritten Reich – bis zu den wachsenden Dienstleistungen des FDGB in den 80er Jahren nachzuzeichnen.

Schaufuß beleuchtet die Finanzierung, die politisch-ideologische Ausrichtung, das Kulturangebot, das Verteilungssystem mit seinen Kungeleien und Ungerechtigkeiten, Privilegien von SED- und Stasi-Kadern, er beschreibt Kreuzfahrten mit der “Völkerfreundschaft”, mit dem vom ZDF 1985 erworbenen vormaligen “Traumschiff” “Arkona”, er belegt, wie diese Schiffe das System strapazierten. Er berichtet über die Überwachung von Touristen aus dem Ausland in FDGB-Heimen und – pars pro toto – über die letzten zehn Jahre im relativ neuen und gut ausgestatteten FDGB-Heim “Fichtelberg”. Dort, im Erzgebirge, war Schaufuß jahrelang gastronomischer Direktor. Er erlebte, wie die Ansprüche der Gäste an die Qualität von Übernachtungen und Verpflegung wuchsen, die Mangelwirtschaft der DDR dem politisch motivierten Versorgungsauftrag aus dem Politbüro aber immer weniger gerecht wurde. Er kennt Freuden und Leiden des DDR-Urlaubers aus nächster Anschauung, er hat den Spitzelapparat erlebt und schließlich das Scheitern der “Fürsorgediktatur”. Thomas Schaufuß kennt sich aus mit ihren inneren Widersprüchen, mit der relativen Stabilität, den Verklärungsversuchen, den hartnäckig fortexistierenden Seilschaften.

Soll ich anmerken, dass die Sprache des Autors bisweilen seine Jahre in der DDR-Wirtschaft durchscheinen lässt, die Mitarbeit in Facharbeitsgruppen der FDGB-Führung etwa, weil sie hölzern daherkommt, als “Normsprech”, mir selbst noch in unangenehmer Erinnerung? Dies mindert die Qualität des Buches schon deshalb nicht, weil der Autor Qualität durch Genauigkeit erreicht, sich jeglicher Eitelkeit ebenso enthält wie der Versuchung persönlicher Abrechnungen – und genau deshalb sehen ganze Verlagsjahrgänge ostalgischer Verklärungsliteratur neben diesem Buch einfach wie Altpapier aus .

Thomas Schaufuß  Die politische Rolle des FDGB-Feriendienstes in der DDR.Sozialtourismus im SED-Staat. Mit Geleitworten von Vera Lengsfeld / Klaus Schroeder.Tab., Abb.; XXIV, 469 S., Verlag Duncker & Humblot, Berlin  38,80 € oder als E-Book lesbar bei paperc.de

Ein Christbaum–Leben

Tatsächlich musste eine Chinesin kommen, eine Frau also, die zum Christentum im Allgemeinen und Weihnachten im Besonderen überhaupt kein Verhältnis hat, um dieses Fest, seine religiösen Wurzeln, seine Rituale völlig neu zu erleben.

PaarWeihnacht2011

Weihnacht 2011

Es mag auch mit dem Altern zusammenhängen, mit intensiverem Erinnern an kindliche Weihnachten, dass einer wieder echte Kerzen im Grün und Gold brennen sehen will – in all meinen Jahren als Single hatte es mir wenig bedeutet. Nun, im Zusammenleben mit Qin aus Nanking, gab es immer einiges zu erklären und zu erzählen, wenn wir Kirchen und Klöster besuchten, wenn der Dezember kam mit Adventlichtern, mit einem Stall samt Pony, Ziegen, Kuh und Krippe auf dem Christkindlesmarkt, einer Plastikversion desselben vor der brutalst kitschigen Touristenschänke in der Fußgängerzone, wenn der alte “Da Bi Zi”* bereit war, in Kirchenlieder einzustimmen, obwohl er der Institution Kirche schon vor Jahrzehnten Adieu gesagt hat.

Bei diesen kultur- und religionshistorischen Erzählungen kam ich zwangsläufig auf die Botschaft vom Kind, das der Menschheit Frieden, Erlösung von Schuld und Sünden verspricht, dem Tod seinen Schrecken nimmt. Die Geburt Christi geht in der Bibel mit Lichterscheinungen einher, sie geschieht mitten in der Nacht, Hirten und Weise aus dem Morgenland werden erleuchtet, kurz: das Wichtigste an diesem Geschehen ist eigentlich, dass etwas Erhellendes, Beglückendes nicht menschlicher Vernunft entspringt, sondern als Geschenk Gottes unter wahrlich himmelschreienden biologischen und physikalischen Ungereimtheiten in die Welt kommt.

Im Kern der Botschaft gibt es indessen einen Zusammenhang zwischen Licht, Leben und Liebe – es gibt Ähnliches in fernöstlichem Glauben.

Nachdem ich in diesem Jahr wieder für Qin einen Kinderzeit-Weihnachtsbaum mit Kerzen statt elektrischer Beleuchtung geschmückt habe, nachdem wir den Zauber der lebendigen Flammen, des Dufts, des Abbrennens und Verlöschens gemeinsam bestaunt haben, hätten wir dem etwas altbacken wirkenden Lied vom Tannenbaum noch ein paar Strophen hinzuzufügen: Darin wäre vom Geschenk zu reden, auf brennende Kerzen achten zu dürfen. So ein Christbaum alter Fassung ist ein Sicherheitsrisiko, er verlangt uns – von der richtigen Platzierung der Glaskugeln, Glöckchen, Ketten zwischen den Zweigen, auf dass sie nicht den Flammen zu nahe kommen, über die Pflicht, alles beim Abbrennen immer im Auge zu behalten, bis zum Reinigen, Pflegen, neu Bestücken der Kerzenhalter – ein Mehr an Mühe und Aufmerksamkeit ab. Dafür werden wir belohnt: Der Baum und sein Fest leuchten nicht nur nebenbei. Wir nehmen uns Zeit für ihn und gewinnen Zeit für uns, unersetzliche, liebevolle Zeit – die sich der Erinnerung an die Christbäume der Kindheit verbindet.

Es sind Bäume fürs Leben.

Weihnacht 1953

Weihnacht 1953

*)chinesisch: “Großnase”

Die wunderbaren Stacheln der Rose

Weihnachtsrose2011 (1)

Ein Wunder: Die Weihnachtsrose auf unserem Balkon

Mal ganz ehrlich: Ich pfeife auf weiße Weihnacht. Voriges Jahr war’s toll: ein Geschenk des Himmels, Schnee nach Herzens Lust – und ein satanisches Geheul wegen von Autos unbefahrbarer Straßen. Weg mit dem Winter!

Und – ach! Klimawandel soll doch auch nicht sein! Weg mit Kohlendioxid also! Weg aber auch mit kohlendioxidfreien Atomkraftwerken – weil die ja irgendwie riskant sind. Dass der ganze Industrialismus, dass die Verpflichtung von Menschen auf Konzerninteressen viel riskanter sind, wird nach bewährtem (Stalingrad-)Muster ausgeblendet. Wir wollen ein Klima, das den Wünschen der Mitläufer entspricht.

Genau das versprechen diejenigen, denen die Weihnachtsbotschaft “Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen” egal ist: sie wollen sich um jeden Preis durchsetzen – mit ihrem Glauben an “Saubere Energie”, an irgendeine Technik, die ihnen die Verantwortung abnimmt für den Schnee und den Müll vor der eigenen Tür.

Helden oder Demokraten

Zwei Abende – zwei gegensätzliche Erfahrungen: Beim Literaturabend “40 Jahre deutsch-deutsche Geschichte im Roman” im Heimatmuseum Gaggenau-Michelbach am 18.11. war’s voll, es wurde ein Abend mit gespannt und aufmerksam lauschenden, interessiert fragenden Zuhörern; zum “Loffenauer Bücherfest” am 19.11. dagegen kam – niemand.

Die engagierte junge Frau, auf deren Einladung hin wir “Leben Lesen” zum ersten Mal außerhalb von Baden-Baden veranstaltet haben, war ratlos, aber ich musste zugeben, dass wir den Titel ungeschickt gewählt hatten. Es sollte bei der literarischen Jamsession ja eigentlich nicht um Helden von einst, sondern um die Helden von heute gehen – und erst in zweiter Linie um Romantik.

Hat Herr von Guttenberg das Zeug zum Helden? Brauchen wir überhaupt irgendwelche Kraftkerle? Brauchen wir nicht vielmehr Persönlichkeiten, die ohne das Pathos von Weltveränderern zur richtigen Zeit das Richtige tun – z.B. ein Flugzeug auf dem Hudson notwassern oder Schlägern Einhalt gebieten?

Bürgersinn und Zivilcourage statt hehrer Ideale und lautstarker Transparente: das wäre ein Thema gewesen – oder?

Liebe Freundinnen, Miterzähler und Zuhörer von “Leben Lesen”: lassen Sie uns wissen, ob Sie das auch so sehen, oder was Sie stattdessen interessant genug fürs nächste Treffen von “Leben Lesen” finden.

Ritter, Schützen, Bürgersleut – romantische Helden einst und jetzt


Die nächste literarische Jamsession für alle “Leben Leser” aus Baden-Baden und Umgebung findet am 19. November um 17 Uhr zum Loffenauer Bücherfest statt. Diesmal hat uns das “Antiquariat am Bergle” eingeladen – das Thema “Ritter, Schützen, Bürgersleut – romantische Helden einst und jetzt” passt in eine Welt, in der Helden zur Lösung von Finanz- und anderen Krisen ausbleiben, brave Bürger mit Sinn fürs Gemeinwesen dringend gesucht werden. Brauchen wir wieder Jugendfrische in der Politik wie zu Zeiten des Hambacher Fests von 1832? Sind die “Piraten” womöglich die Burschenschafter des 21. Jahrhunderts?
Wenn in unterhaltsamer Runde Literatur auf Lebenserfahrung, Aktualität auf Geschichte trifft, das Ganze nicht mit tierischem Ernst behandelt wird, bekommen Sie vielleicht Lust mitzureden. Sie können auch Ihre Geschichte, Ihr Gedicht mitbringen oder einfach nur zuhören – Sie sind auf jeden Fall willkommen.

Rückblick auf den Sommer: "Waldgeschichten"

Bei den “Waldgeschichten” in der Villa Belveder im Juli hat Rainer Schulz die “Miterzähler” unserer literarischen Jamsession gut unterhalten. Es war eine besonders anregende Runde, Lyrik und Prosa wechselten sich mit spontanen Beiträgen ab.
Für den 27. August initiierte Rainer in Michelbach ein Treffen im Heimatmuseum. Birgit Klau, Moderatorin der SWR-Sendung “Planet Wissen” stellte ihr Buch “Tier zuliebe” vor. Wir sind Kollegen, “SWR-Wissen-Schaffer” sozusagen, und unser Auftritt kam so gut an, dass gleich für den 18. November eine Lesung aus meinen Romanen vereinbart wurde. Natürlich hatte Rainer seine Gitarre dabei – alles passte, am Ende sogar das Wetter für einen Spaziergang durchs schön gestaltete Dorf mit seinen Sehenswürdigkeiten.

Leben Lesen geht ins zweite Jahr – die Zahl der “Mitspieler” wächst. An Erzählstoff wird’s sowieso nie mangeln :-)

Eros

IMG_0069

Lange her, dieser Versuch aus dem Jahr 1980, aber doch vom Stoff, aus dem Romane werden …

 

Eros naht auf leichten Flügeln
In des Abends Dämmerdunkel
In den matten Morgennebeln
Auf der Sonne sanften Strahlen.
Lächelnd streicht er deine Lippen
Die sich wölben unterm Finger
Und in deinen Augen wieder
Sammeln sich die munteren Funken
Nie vernahmst du seine Stimme
Doch du fächelst seine Sprache
Sprechend mir die Nacht voll Träume
Breitest seinen Flügelmantel
Und die Schenkel angestemmt
Gegen deine, seine Kräfte
Fühle ich den Boden schwinden.

August – vorbei

Meteor_burst

Nie sah zuvor ich alle Zeit der Welt
So für den Augenblick zusammenschießen.
Der goldene Saum des Sommers streift den Herbst
Ein himmlisch kurzes, glühendes Entzücken
Zerteilt die Nacht und ist schon wieder fort
Ehe mein Glück den richtigen Wunsch gefunden
Der wäre: schenkt mir, kosmische Gewalten
Im gnädigen Wollen, das ich nie versteh
Recht viele solcher sanfter Sternenküsse
Und, wird es nächstens kalt, ein Kleid aus Schnee.