Erstickungstod

Wilhelm Busch und seine boshaften Geschichten helfen mit Sarkasmus über allerlei Zumutungen hinweg

Seit anderthalb Jahren leidet „Leben lesen“ an Atemnot. Nein, nicht Coronaviren haben sie ausgelöst, sondern Maßnahmen der Politbürokratie, deren Berechtigung umso zweifelhafter wird, je undurchschaubarer die Parameter, je verwirrender der Katalog von Einschränkungen, Lockerungen, Bedingungen und Sonderrechten von den „Entscheidern“ zusammengeflickt wird, um ihre Ratlosigkeit, gar ihr Versagen zu bemänteln. Kein Ende in Sicht, aber anders als Hans Huckebein sind wir noch nicht der Trunksucht erlegen.

Ob wir wenigstens zu Weihnachten wieder im „Atlantic Parkhotel“ Menschen erfreuen dürfen, ob es noch einmal die Chance gibt, mit Erich Kästners „13 Monaten“ durchs Jahr zu geleiten und den Erlös der Abende, vom Publikum gern fürs Kinderdorf gespendet, dorthin zu überweisen – niemand weiß es.

Was tun? Nach langen Monaten der Ungewissheit will ich den Bestand des Weblogs für alle Interessierten aufrecht erhalten, indem ich Texte präsentiere, die zum Vergnügen der Zuhörer bei „Leben lesen“ aufgeführt wurden oder hoffentlich demnächst unser Repertoire ergänzen. Sie sind alt genug, um ohne Probleme mit dem Urheberrecht veröffentlicht zu werden, und aktuell genug, in trüben Zeiten die Stimmung aufzuhellen. Los geht’s mit einem eigenen Gedicht – passend zum Monat, leider nicht von der poetischen Brillanz des Kästnerschen, aber gut zum Atemholen. Bis zum Ersticken hat’s dann doch noch geraume Weile.

Augustabend am Rhein bei Iffezheim

August – vorbei

Nie sah zuvor ich alle Zeit der Welt

So für den Augenblick zusammenschießen.

Der goldene Saum des Sommers streift den Herbst

Ein himmlisch kurzes, glühendes Entzücken

Zerteilt die Nacht und ist schon wieder fort

Ehe mein Glück den richtigen Wunsch gefunden

Der wäre: schenkt mir, kosmische Gewalten

Im gnädigen Wollen, das ich nie versteh

Recht viele solcher sanfter Sternenküsse

Und, wird es nächstens kalt, ein Kleid aus Schnee.

Rom, Römer, Römerinnen vor 200 Jahren – ein deutscher Romantiker entdeckt Italien

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„Griechen-Müller“ nannten ihn viele wegen seines Engagements fürs Ende der Türkenherrschaft

Melodien von Rossini, Kupferstiche von Pinelli, Briefe vom „Griechen-Müller“: drei berühmte Männer geleiten Sie durch den Abend. „Welcher Müller?“ Wilhelm Müller, der Dichter von Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum. Spätestens 1827 wurde er unsterblich: Franz Schubert vertonte seinen Gedichtzyklus Die Winterreise, zu dem auch der Lindenbaum gehört. Auch Brahms vertonte Verse des jungen Mannes, Heine lobte, sie seien „sämtlich Volkslieder“.

Schubert komponierte Die schöne Müllerin ebenso wie Die Winterreise – Gedichte über Abschied und Einsamkeit in einem durch Frost, Lieblosigkeit und triste politische Zustände erstarrten Deutschland. Sie fanden und finden sich im Repertoire bedeutender Interpreten wie Christa Ludwig, Fritz Wunderlich, Dietrich Fischer-Dieskau, Peter Schreier, Thomas Quasthoff, Dietrich Henschel.

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„Bacchanale“ – einer der berühmten Kupferstiche von Pinelli, die Müller kommentierte

Den tragischen Tönen geht ein fast vergessenes Stück heiterer Literatur voraus, inspiriert von einer Italienreise: „Rom, Römer, Römerinnen“ erschien im Jahr 1820 und erzählt in Briefform, was der 23jährige Dessauer erlebt hatte. Folgen Sie uns, hören und sehen Sie, wie er Sitten und Charaktere jener Zeit beschrieb – anders als manche Reisenden, die sich mehr für Ruinen als den pulsierenden Alltag drum herum interessierten. Unsere literarischen Abende heißen schließlich „Leben Lesen“.

Wir laden wieder herzlich ein ins Kaminzimmer des Atlantic Parkhotels am 28. Februar 2020 um 20:30 Uhr. Der Eintritt ist wie immer frei, wenn Ihnen unsere Darbietung gefällt, freuen wir uns über eine Spende.

 

Die Weihnachtshasserin

Kerzenschnee totelNicht alle mögen Weihnachten – klar. Ich wünsche dennoch meinen Lesern ein erholsames Fest voll Freude, am besten in liebenswerter Gesellschaft. Als kleines Geschenk hier ein Ausschnitt aus der Kurzgeschichte obigen Titels, die ich Gästen im Kaminzimmer des „Atlantic-Parkhotels“ gestern zu Gehör brachte. Gemeinsam mit Annegret und Bernd Müller (Gitarre) haben wir auch gesungen – gehasst hat niemand, gelacht haben alle.

„Es ist abartig!“
Gäste vom Nachbartisch schauten herüber, ich bemerkte, dass ich einen roten Kopf bekam. Die Leute dachten wunders womit ich mir diesen Wutschrei verdient hatte. Frau Herzberg aber schaute mir plötzlich direkt in die Augen, griff nach meiner Hand und sagte: „Tut mir leid, seien Sie mir nicht böse. Es geht nicht gegen Sie. Aber schauen Sie sich nur all die schönen, stolzen Bäume an, die für blöde Märkte, Kaufhäuser, Kantinen, Kneipen, Bahnhöfe oder Millionen Wohnzimmer abgehackt werden, die dort vertrocknen und dann verbrannt werden! Fast 30 Millionen, allein in Deutschland jedes Jahr! Stellen Sie sich vor, Ihre Füße würden abgesägt, man schraubte Sie in ein Metallgestell, behängte Sie mit billigem Glitzerzeug und würfe Sie nach 14 Tagen einfach weg.“
Ihre Stimme war plötzlich weich geworden, ihre Augen glänzten feucht, sie hatte wirklich Mitleid mit den Bäumen. Das heißt, sie hatte irgendwann versucht sich vorzustellen, wie sich eine Säge an den Füßen anfühlt – oder jemand hatte sie dazu gebracht, sich das vorzustellen. Das war kein Spaß.
„Eine Säge an den Füßen“, murmelte ich, „das ist kein Spaß. Wenn Sie so etwas Kindern erzählen, werden Sie womöglich nie mehr Weihnachtsbäume anschleppen müssen.“
„Sehen Sie! Wieso erzählen wir das den Kindern dann nicht?“ Jetzt schimmerten ihre Augen hoffnungsfroh. Ich seufzte.
„Sehen Sie ’s mir bitte nach“, ich legte meine Hand auf die ihre, „Bäume mögen Gefühle haben, aber wenn wir schon von Bäumen und Menschen reden, kommen wir um die Unterschiede nicht herum. Ich liebe Bäume, seit meiner Kindheit fühle ich mich im Wald zuhause. Dort tanke ich Kraft, habe oft in bösen Zeiten Trost gefunden. Und – glauben Sie ’s oder nicht – dazu passt ausgerechnet ein Weihnachtslied.

O Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren:
Die Hoffnung und Beständigkeit
gibt Trost und Kraft zu jeder Zeit,
o Tannenbaum, o Tannenbaum,
dein Kleid will mich was lehren.“

Frau Herzberg entzog mir ihre Hand. „Ja ja. Mit dieser Art von Gedudel wurden früher Kinder eingelullt: ‚Hoffnung‘, ‚Beständigkeit‘. Was soll der Quatsch noch im digitalen Zeitalter, wo sich alles in rasendem Tempo ändert? Für Kinder zählt das neueste Smartphone zu Weihnachten, der Baum darf ruhig aus Plastik sein.“

Der Anfang der Geschichte findet sich als Video auf YouTube, wer mehr möchte, melde sich gern.

Rilkes Blick– Rilkes Gesichter

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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”, der einzige Roman des als Dichter gefeierten Rainer Maria Rilke, gilt als schwierige Lektüre. Als er ihn fertigstellte, war Rilke gerade 35, aber er war weit gereist und er hatte auf unvergleichliche Art Reisen und Leben, Kindheit und Liebe, scharfe Beobachtung und üppige Phantasien zu einer besonderen Prosa verdichtet. Wie viel Kraft  und Haltung ihr abzugewinnen ist, wie viel Spannung und Witz in seinen vermeintlich düsteren, elegischen Texten steckt – darüber durften wir bei “Leben Lesen” am Abend des 11. März staunen. Gespräche über Rilkes Reisen und Bezugspersonen – vor allem seine 16 Jahre ältere große Liebe Lou Andreas-Salomé, skandalumwittert und von Berühmtheiten wie Nietzsche und Frank Wedekind erfolglos umworben – unterhielten die Gäste ebenso wie die musikalischen Intermezzi von Annegret und Bernd Müller (Gesang, Gitarre) und Achim Quellmalz (Klarinette). Die “literarische Jamsession” weckte Lust auf mehr Rilke, Lust auf mehr große Literatur. Danke an Rilke, Danke an die Musiker und das gastfreundliche “Atlantic Parkhotel