Archiv der Kategorie: Roman

Rilkes Blick– Rilkes Gesichter

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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”, der einzige Roman des als Dichter gefeierten Rainer Maria Rilke, gilt als schwierige Lektüre. Als er ihn fertigstellte, war Rilke gerade 35, aber er war weit gereist und er hatte auf unvergleichliche Art Reisen und Leben, Kindheit und Liebe, scharfe Beobachtung und üppige Phantasien zu einer besonderen Prosa verdichtet. Wie viel Kraft  und Haltung ihr abzugewinnen ist, wie viel Spannung und Witz in seinen vermeintlich düsteren, elegischen Texten steckt – darüber durften wir bei “Leben Lesen” am Abend des 11. März staunen. Gespräche über Rilkes Reisen und Bezugspersonen – vor allem seine 16 Jahre ältere große Liebe Lou Andreas-Salomé, skandalumwittert und von Berühmtheiten wie Nietzsche und Frank Wedekind erfolglos umworben – unterhielten die Gäste ebenso wie die musikalischen Intermezzi von Annegret und Bernd Müller (Gesang, Gitarre) und Achim Quellmalz (Klarinette). Die “literarische Jamsession” weckte Lust auf mehr Rilke, Lust auf mehr große Literatur. Danke an Rilke, Danke an die Musiker und das gastfreundliche “Atlantic Parkhotel

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Vladimir Sorokin “Telluria”

sorokin_telluriaUnter Theaterleuten in Ostberlin war in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine geläufige Redensart, Einer oder Eine habe “einen Nagel im Kopf”. Solche Figuren fielen dadurch auf, dass sie sich abweichend von der Normalität verhielten. Die Normen setzte eine totalitäre Gesellschaft –  also changierte die Bedeutung der Redensart: Wer einen Nagel im Kopf hatte, konnte ein Psychopath sein, ein Idiot oder jemand, der sich auf irgend mögliche Art und Weise den Regeln, Bedrohungen und Verführungen vermeintlicher Normalität durch skurriles, paradoxes oder sonstwie dekonstruktives Verhalten entzog. Jedenfalls schwang, wenn das Prädikat vom Nagel im Kopf, einem langen gar, oder – Superlativ – einem rostigen, vergeben wurde, weniger Häme als eine gewisse Achtung mit. Der Nagel im Kopf war eine mit kollektiver Erwartung unvereinbare Lebensform.

Vielleicht ist das Sorokins genialer Kunstgriff: Dass in einer zukünftigen Gesellschaft der Nagel im Kopf zur kollektiven Wunschvorstellung werden könnte. Dass in nicht allzu fernen Tagen nach allerlei Kriegen der Eurasier gegen Wahabiten und Salafisten, nach zwiespältigen Bündnissen mit Chinesen sich – in Russland zumal – seltsame neue Kleinstaaten bilden könnten, deren einer im fast unwegsamen Altaigebirge zur neuen Schweiz aufstiege, nicht als Hort des Geldes, sondern als Hort des Tellurs, Rohstoff für einzigartige Nägel. Ein Keil aus dem seltenen Element, kunstvoll eingeschlagen möglichst von Fachleuten, verschafft dem Kopfinhaber das wahre Glück auf Erden. Das Tellur korrodiert, der Nagel “rostet” und entfaltet eine enorm vitalisierende Kraft, leider macht das süchtig. Deshalb mangelt es nicht an Schwarzhändlern, Fälschern und scheiternden Selbstversuchen.

In dieser schrägen Welt, bevölkert von allerlei Chimären, Zwergen, Riesen, Abenteurern, tun die Menschen, was sie schon immer taten, tun und zweifellos auch in hundert Jahren noch tun werden. Sie tun es mit phantastischen Gadgets, einer Art Zauberschwämmen etwa, die “Grips” heißen und das Smartphone in holographische Dimensionen erweitern, sie tun es in verwahrlosten Vierteln oder einsam im Wald. Sorokin erzählt das in mannigfachen Stilformen und Redeweisen,  etwa der eines Kentauren, und ich gestehe, selten in meinem Leben bei einer Lektüre mehr gelacht, den Schmerz hinterm Sarkasmus intensiver gespürt und mich einem eigentlich Fremden näher gefühlt zu haben. Den Reichtum an Einfällen aus dem Russischen ins Deutsche zu retten, bedurfte es eines Übersetzer-Teams. Ich muss nicht alle Namen nennen – sie haben es toll gemacht.

Gern nähme ich diesen Autor unter meine ganz persönlichen Serapionsbrüder auf. Es ist eine Runde, in der E.T.A. Hoffmann gespenstert, Edgar Allan Poe, Franz Kafka und Michail Bulgakow mit Entsetzen Scherz treiben. Noch im erbarmungslosen Buchmarkt überleben sie dank unübertrefflicher Appelle an die Angstlust der Leser, egal ob subtil oder wie  beim Kasperltheater. Natürlich ist “Tellluria” auch voll bitterer Satire. Es schürt die Sucht nach intellektuellen Wechselbädern: Lässt sich der irrationale Mensch am Ende dank einer Heilsgeschichte doch mit der Realität versöhnen?

Erwartet wer eine Antwort? Ein “Utopia” in “Telluria”?  Für den ist, glaube ich, dieses Buch nicht geschrieben. Eher für Romantiker mit einem sehr langen, rostigen Nagel im Kopf.

Vladimir Sorokin „Telluria“ bei Kiepenheuer und Witsch
Aus dem Russischen vom Kollektiv Hammer und Nagel
ISBN: 978-3-462-04811-7
Erschienen am: 01.08.2015
416 Seiten, gebunden, 22,99 €

Gespenster – Zeitgeister – Grenzerfahrungen

umtriebiger Traumtänzer und Multitalent

Maler, Musiker, Literat – am Ende aufmüpfiger Staatsbeamter: E.T.A. Hoffmann

Der „Gespenster-Hoffmann“ gehörte schon früh zu meinen literarischen Vätern; mit 14 radelte ich hinaus in den Frühling, im Gepäck die „Serapionsbrüder“, träumte mich, bäuchlings ins Gras einer Lichtung des Thüringer Waldes gestreckt, fort nach Italien oder in die Straßen von Dresden, wo der Student Anselmus seiner großen Liebe nachjagt, einer Märchenprinzessin in Gestalt einer goldenen Schlange. „Was ist Wahn, was Wirklichkeit?“ – so begann die Reise entlang der Grenzen und darüber hinaus.

Kein Wunder also, dass mich im „Raketenschirm“ diese Frage ebenso beschäftigt wie in den beiden ersten Romanen – es finden sich noch andere tiefe Bezüge zu E.T.A. Hoffmann. Die Frühlings-Session von „Leben Lesen“ widmet sich dem großartigen Komponisten, Erzähler, verzweifelt erfolglosen Theaterdirektor, Alkoholiker, den der frühe Tod vor seinem Hinauswurf aus dem preußischen Staatsdienst bewahrte. Als Kammergerichtsrat hatte er 1822 den renitenten„Meister Floh“ verfasst, erst 86 Jahre nach seinem Tod erschien der von der Zensur beschlagnahmte Text.

Es ist auch kein Wunder, dass „Leben Lesen“ sich auf den Gespenster-Hoffmann beruft: die Erzählrunde der „Serapionsbrüder“ war dafür ein Vorbild. Dort trafen sich Hoffmanns – fiktive – Freunde und spannen ihr Garn. Wenn wir uns also zum Erzählen im Kaminzimmer des „Atlantic“ ums Feuer versammeln, dann ist das die stimmungsvolle Reverenz an sein aufgeregtes, umtriebiges, phantastisches Leben und Träumen.

Termin: 27. März 2013 19 Uhr, im „Atlantic Parkhotel “ Baden-Baden, Kaminzimmer. Näheres zur Veranstaltung unter „Aktuelle Termine“

Leben Lesen extra im Oktober

Abenteuer in der Berliner S-Bahn: aus “Babels Berg”

 

„Ikarus mit Bleigürtel – Reisen im Flug durch vier Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte“ ist ein Abend mit Texten aus allen drei Teilen der Romantrilogie „Wolkenzüge“. Das “Literatur-Spiel” gab’s in diesem Jahr u.a. im Berliner DDR-Museum, in der Suhler Stadtbibliothek, in der Stiftsbuchhandlung Nottuln. Kurz vorm Erscheinen des dritten Teils – „Raketenschirm“ – lade ich ins Groschen Museum Baden-Baden zum Mitfliegen ein. Termin: 11.10., 19:30.
Auf das Publikum wartet wie immer in unserer Reihe literarischer Jamsessions mehr als nur eine Lesung: eine Einladung zum Mitgestalten, Fragen, Miterzählen.