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Ins Offene

IMG_20160404_165226_1Jeden Jahres Wunder geschieht wieder, und ich kann niemals genug davon haben. Wenn einer als Kind das Glück hatte, so viel Zeit wie möglich im Freien zu verbringen, die Zauber der sich wandelnden Natur zu schauen, alle Farben, Klänge, Gerüche der Landschaften aufzunehmen und sich tief mit dem Augenblick zu verbinden, dann mag er niemals davon lassen, wird immer wieder aufs Neue vom vermeintlich Vertrauten überrascht.

Noch ein Frühlingsgedicht? Ja. Jeder Lenz ist – so oft sich aus Dreck, Wasser, Sonnenlicht Milliarden Blätter, Blüten, Myzelien bilden – ein anderer. Bilde ich mir ein, dass die Vögel schreien vor Lust und Glück? Mag sein. Ich lasse mich einfach anstecken.

Frühlingstag. Libellenflug.
Flirrend tilgt mit Blau und Grün
Laue Luft den längsten Winter
Nie sind Eis und Schnee genug
Nie muss Hoffnung sich bemühn.
Frühling findet uns als Kinder
Sonne zählt nicht ihre Tage
Gras fragt nicht wie lang es bleibt
Nicht die Blüte, was sie treibt
Nicht mein Mund, warum ich klage.
Deine Küsse werden Flüge
In die schwimmenden Pastelle.
Lachend fallen Vogelzüge
In des Jahres grüne Welle.

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Rilkes Blick– Rilkes Gesichter

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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”, der einzige Roman des als Dichter gefeierten Rainer Maria Rilke, gilt als schwierige Lektüre. Als er ihn fertigstellte, war Rilke gerade 35, aber er war weit gereist und er hatte auf unvergleichliche Art Reisen und Leben, Kindheit und Liebe, scharfe Beobachtung und üppige Phantasien zu einer besonderen Prosa verdichtet. Wie viel Kraft  und Haltung ihr abzugewinnen ist, wie viel Spannung und Witz in seinen vermeintlich düsteren, elegischen Texten steckt – darüber durften wir bei “Leben Lesen” am Abend des 11. März staunen. Gespräche über Rilkes Reisen und Bezugspersonen – vor allem seine 16 Jahre ältere große Liebe Lou Andreas-Salomé, skandalumwittert und von Berühmtheiten wie Nietzsche und Frank Wedekind erfolglos umworben – unterhielten die Gäste ebenso wie die musikalischen Intermezzi von Annegret und Bernd Müller (Gesang, Gitarre) und Achim Quellmalz (Klarinette). Die “literarische Jamsession” weckte Lust auf mehr Rilke, Lust auf mehr große Literatur. Danke an Rilke, Danke an die Musiker und das gastfreundliche “Atlantic Parkhotel

Letzte Blüten

OrchideeWikiDas Gedicht spielt auf Georg Trakls „Romanze zur Nacht“ an.

Es erschien vor 100 Jahren, am Ende einer Epoche, die von mit besonderer Sensibilität Begabten wie Trakl als Vorabend katastrophaler Ereignisse wahrgenommen wurde.

Einsamer im Orchideenfeld
Suchst unter Blüten dein Herz zu retten
Wünschst, dass ein Wunder vom Himmel fällt
Defibrillator gegen Tod in den Betten
Hoffst auf Bestand für die Liebesträume
Auf deiner Bindungen Rekonvaleszenz
Leugnest die Macht der irdischen Trends
Mustermänner bevölkern die Räume.
Horch nur: die Elstern bekrächzen dein Scheitern
Horch nur: Klatschkanäle filtern dich aus
Horch nur: der Mob umstellt schon dein Haus
Sieh nur: die Wunden beginnen zu eitern.

Einsamer, nun schärfe dein Messer
Trenn dir die müden Triebe ab.
Die Orchideen nimm als Schmuck für dein Grab
Du weißt: In Freiheit stirbt es sich besser.

Uhu

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Ich liebe alles nächtige Getier
Die Eulen, Schlangen, Kröten und die Spinnen
Die einsam jagen, mit geschärften Sinnen
Wenn alles schläft, dann treibt es mich zu dir.

Mein Lieben ist aus Furcht und Nacht und Tod
Es flieht die Ordnung, hasst die engen Räume
Sein Sein ist Chaos und sein Stoff die Träume
Ein Auf und Ab aus wilder Lust und Not.

Was Mäuse schreckt, muss nicht die Duckmaus spielen
Es scheut das Licht, weil’s keine Larve trägt
Die Sonne bringt es niemals an den Tag
Hinter dem falschen Frieden
Steckt der Todesschrei.