Frühling reist

Den Mai lässt Erich Kästner 1955 als “Mozart des Kalenders” auftreten. Sein Gedicht gehört zu den Schönsten. Gut ein halbes Jahrhundert nach dem Erscheinen seines Zyklus habe ich die Kutsche des Zauberers Mai  mit einem Regionalzug verglichen – weil jeder den Frühling anders erlebt.

Mozarts Auftritt im Kalender

Die Räder rollen durchs glückliche Land
der rostenden Wünsche, es schnattert das Jungvolk
Eingeflimmert aufs Mittelmaß,
duftend nach Fritten und Plastikfraß.
Gesichter voll Eisen, Chemie in den Haaren
Sehn sie nicht wo, verstehn nicht, wohin sie fahren.

Draußen geschieht das verlässliche Wunder
Das sich doch niemals planen lässt
Aus Landschaften werden Züge des Glücks
Triumphprozessionen verliebter Vögel.
Textilgeschäfte verhökern den Rest
Nächstens geht die Weltwirtschaft unter.

Altersrenditen verfallen im Takt
Der murmelnden Kugeln in den Rouletts
Der schwingenden Kurse auf den Parketts
Alle Tresore werden geknackt.

Derweil erblühn die unsterblichen Formen
Aus sterblichstem Stoff in den Farben der Träume.
Ich zähle die Tage als letzte Momente
Dass vom fliegenden Blau ich nur nichts versäume.
Keine Blüte sei ungeküsst
vom Blick, der auf Unendlich gerichtet ist.

Ins Offene

IMG_20160404_165226_1Jeden Jahres Wunder geschieht wieder, und ich kann niemals genug davon haben. Wenn einer als Kind das Glück hatte, so viel Zeit wie möglich im Freien zu verbringen, die Zauber der sich wandelnden Natur zu schauen, alle Farben, Klänge, Gerüche der Landschaften aufzunehmen und sich tief mit dem Augenblick zu verbinden, dann mag er niemals davon lassen, wird immer wieder aufs Neue vom vermeintlich Vertrauten überrascht.

Noch ein Frühlingsgedicht? Ja. Jeder Lenz ist – so oft sich aus Dreck, Wasser, Sonnenlicht Milliarden Blätter, Blüten, Myzelien bilden – ein anderer. Bilde ich mir ein, dass die Vögel schreien vor Lust und Glück? Mag sein. Ich lasse mich einfach anstecken.

Frühlingstag. Libellenflug.
Flirrend tilgt mit Blau und Grün
Laue Luft den längsten Winter
Nie sind Eis und Schnee genug
Nie muss Hoffnung sich bemühn.
Frühling findet uns als Kinder
Sonne zählt nicht ihre Tage
Gras fragt nicht wie lang es bleibt
Nicht die Blüte, was sie treibt
Nicht mein Mund, warum ich klage.
Deine Küsse werden Flüge
In die schwimmenden Pastelle.
Lachend fallen Vogelzüge
In des Jahres grüne Welle.

Rilkes Blick– Rilkes Gesichter

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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”, der einzige Roman des als Dichter gefeierten Rainer Maria Rilke, gilt als schwierige Lektüre. Als er ihn fertigstellte, war Rilke gerade 35, aber er war weit gereist und er hatte auf unvergleichliche Art Reisen und Leben, Kindheit und Liebe, scharfe Beobachtung und üppige Phantasien zu einer besonderen Prosa verdichtet. Wie viel Kraft  und Haltung ihr abzugewinnen ist, wie viel Spannung und Witz in seinen vermeintlich düsteren, elegischen Texten steckt – darüber durften wir bei “Leben Lesen” am Abend des 11. März staunen. Gespräche über Rilkes Reisen und Bezugspersonen – vor allem seine 16 Jahre ältere große Liebe Lou Andreas-Salomé, skandalumwittert und von Berühmtheiten wie Nietzsche und Frank Wedekind erfolglos umworben – unterhielten die Gäste ebenso wie die musikalischen Intermezzi von Annegret und Bernd Müller (Gesang, Gitarre) und Achim Quellmalz (Klarinette). Die “literarische Jamsession” weckte Lust auf mehr Rilke, Lust auf mehr große Literatur. Danke an Rilke, Danke an die Musiker und das gastfreundliche “Atlantic Parkhotel

Der fremde Blick

Begegnung mit Rainer Maria Rilke

Rainer_Maria_Rilke“Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben…”

Diese Verse aus Rilkes “Herbsttag” kennt fast jeder – und sollte man meinen, dass sie ein junger Mann von kaum 27 Jahren schrieb?

In den Pariser Jahren zwischen 1902 und 1910 entstand auch das bedeutendste Prosawerk des Poeten: “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”. Sein besonderer Blick auf die Stadt und ihre Bewohner überrascht Leser immer noch – und öffnet die eigene Sicht auf den Alltag, auf das Tun und Treiben von heute. Rilke lässt uns darüber nachdenken, wie wir uns selbst wahrnehmen – und täuschen.

Bei unserer “literarischen Jamsession” am 11. März um 20 Uhr wollen wir, angeregt durch Rilkes Lyrik und Prosa wieder “Leben lesen”, also Erfahrungen, Meinungen, Widerspruch zu Wort kommen lassen. Musik zwischendurch wird den Abend beschwingen.

Kaminzimmer01Im Kaminzimmer des “Atlantic Parkhotels” am Goetheplatz in Baden-Baden beginnt Immo Sennewald damit wieder seine Reihe literarischer Talkrunden; wegen beruflicher Verpflichtungen in Braunschweig hatte er sie unterbrochen. Nur zu Weihnachten konnten Gäste des Hotels und andere Literaturfreunde sich von seinen Geschichten unterhalten lassen. Sie gefielen so gut, dass die Leitung des Hauses daraus dauerhaft in ihrem Programm kulturelle Glanzlichter machen möchte. Immo Sennewald – Baden-Badenern als Autor von Romanen und Produktionen des SWR bekannt – ist ihrem Vorschlag gern gefolgt.